Dienstag, 31. Juli 2018

Leseproben


 
Auszüge aus "Hartz 4 You - Liebe macht frei" - frivole Brücke zwischen Gehorsam und Freiheit

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Gern darf darauf Bezug genommen werden. Aber nicht kommerzialisieren für Interessen Dritter! Die Bildrechte sind separat geschützt. (Danke für die freundlichen Genehmigungen!)

Inhaltsangabe

Vorwort der Autorin


...
Die Gespräche im Jobcenter begannen ihm richtig Spaß zu machen. Wenn es hakte, wusste er einen Motivationsspruch oder eine klare Ansage. Ausreden konnte er erkennen, bevor sie ausgesprochen waren. Es war im Grunde nicht anders als mit den Kindern. Nur waren die wenigsten seiner erwachsene Kunden halb so kreativ wie die KiTa-Kinder.



Der Stuhl, auf dem er nun regelmäßig saß, der auf der anderen Seite des Tisches, war SEIN Stuhl. Da gehörte er -zumindest für den aktuellen Lebensabschnitt- hin.

Seine Fallabschlussquote war besser als die der anderen Vermittlungsfachkräfte, die teilweise noch vom Sozialamt übernommen worden waren, bevor es 2005 die Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe zum „ALG-II“ gegeben hatte.
 ***

Svenja, Svenja, Svenja!“
wie heißt Du eigentlich mit Vornamen, Herr Ludwig“ fragte sie ihn ein wenig glucksend.
Tobias,“ sagte er und lachte... er hatte überhaupt nicht daran gedacht, dass sie ja nicht gewusst hatte wie er hieß. Überall war nur sein Nachname ersichtlich gewesen.
Tobias,“ wiederholte sie.
Tobias, Du hast es mir sehr sehr gut besorgt. [...] Es war mir eine Ehre Dich in mich einzugliedern...“
Tobias war es sehr fremd, wie sie so mit ihm witzelte und er spürte ihre neckende Hand in seinem Nacken und ihre sich festziehenden Muskeln auf seinem Schoß.
Svenja, ich musste Dich sanktionieren...“ wollte er ihr sagen und diesmal auch weiter zu dem Thema ausholen. [...]
Wo willst Du hin, Engelchen,“ fragte er sie [...]
Ich muss noch ein paar Bewerbungen schreiben,“ entgegnete Svenja mit einem Lächeln. „mein Arbeitsvermittler sanktioniert mich sonst um weitere 30 %.“


***

Nein, ernsthaft, ich möchte eine Zustimmung zu meiner Ortsabwesenheit – noch heute, Tobias! Ich komme gleich, wenn ich mit dem Projekt hier durch bin, zu Dir... wenn Du willst ...und du erteilst sie mir! Dann kann ich übermorgen mit dir mitfahren.“

Du durchtriebenes kleines Luder!“

Ist das die offizielle Bezeichnung für alle Menschen, die sich regelkonform nach SGB-II verhalten?“
[...]

Sie schloss hinter sich die Tür und raunte: "wann ist Dein nächster Termin, Tobi?"

In 15 Minuten. Aber ich möchte gern erst überlegen, ob ich Ihnen den Urlaub bewilligen werde.“
[...]
Bearbeite jetzt meinen Urlaubsantrag, Herr Ludwig! Oder soll ich Dir mal zeigen wie das geht?“
Svenja, Du setzt Dich jetzt nicht auf die andere Seite des Tisches oder...“

Oh doch, das werde ich.“

Svenja, nein... ich bin der Arbeitsvermittler...“

Du willst mir doch gerade Urlaub vermitteln, Tobi... und ich coache Dich wie man das macht“

Svenja schaffte es auf den Stuhl von Tobias und legte ihren Antrag auf Ortsabwesenheit auf den Tisch. Bevor sie aber einen Stift ergreifen konnte, war Tobias bei ihr und zog sie vom Stuhl.

Krachend fielen sie hin[...]


 ***

Liebe Frau Zimmermann,

ich möchte gern eine Vertiefung unserer Eingliederung bei Ihnen ankündigen. Wann hätten Sie denn Zeit? Gruß T.“



Darauf kam fast umgehend eine Antwort:

Ist das ein Angebot mit Rechtsfolgenbelehrung oder ohne?“



Tobias antwortete: „Die Rechtsfolgen sind für mich völlig unabsehbar. Aber wenn Du mich lange zappeln lässt, werde ich wohl einen Verwaltungsakt verhängen müssen...“



Svenja teilte ihm daraufhin eine Adresse mit, an der er sie erst am nächsten Tag treffen konnte.

Offensichtlich war es NICHT ihre dem Jobcenter bekannte Meldeanschrift.


 ***

Er ließ sich auf den Stuhl plumpsen und anstelle des Mittagessens machte er sich nur einen Kaffee.
Es lagen jede Menge Akten vor ihm, die alle noch zu bearbeiten waren. Dass sie als geöffnete Vermerke am Bildschirm warteten, machte es nicht einfacher, nur dass sie sich nicht großartig auf dem Tisch türmten.
Doch auch da lag einiges herum. Besonders die Sachen von Svenja.
Svenja… sie lag hier auf seinem Tisch. Wie erregend, wenn er sich vorstellte, dass es nicht nur ihre Akten wären, sondern sie selbst.


 ***

Frau Zimmermann blieb auf der Treppe stehen. „Ich hab es nicht eilig heute. Mir wurde nicht nur die Auskunft verweigert, sondern auch noch vermutlich alles so gedreht, als sei ich schuld. Ich kenne doch diese Rechtsbeugungen… Herr LUDWIG – ich bekunde es jetzt und später noch schriftlich vor ihren Vorgesetzten: ICH WÄRE HEUTE HIER GEBLIEBEN, WENN SIE MICH NICHT von der Maßnahme abgezogen hätten. Sie sind aber durch die EGV wie meine AMME. Ich bin bereit, die Maßnahme zu absolvieren. Aber es muss alles rechtens sein. Und dieses Recht muss mir auf Nachfrage vorab auf den Einzelfall anwendbar dargelegt werden.“
Schluss jetzt,“ schimpfte Tobias sie an. Frau Zimmermanns weißes Che-Guevara-Barrett passte so gar nicht zu den ins Devote tendierenden Worten. „Hören Sie endlich damit auf. Überlegen Sie sich das vorher. Ich bin natürlich nicht Ihre Amme. Ich bin die Staatsgewalt. Und ich führe korrekt das SGB-II aus.“

[...]

Kommen Sie zur Tür,“ forderte er.
Sind Sie hier verantwortlich für das Haus?“ Jetzt fing sie doch schon wieder an mit irgendwelchen Fragen...
Kommen Sie jetzt, ich will hier nicht laut werden.“
Wo können wir denn hingehen, damit Sie mal laut werden können?“
Frau Zimmermann. Bitte! Kommen Sie jetzt und dann trennen sich unsere Wege,“ Tobias flehte sie im Forderton an. Svenja schien das diebisch zu genießen und sagte: „Ich denke gar nicht daran. Gegen mich wurde kein Hausrecht ausgesprochen. Sie haben nicht das Hausrecht. Es ist nicht mein Problem, wenn SIE ein Problem haben. In Sachen EGV Verwaltungsakt bin ich offiziell Ihre Sklavin. Und ich bin BEMÜHT darin alles nach Vorschrift zu machen.“
[...]

"...Im Träger sind Sie nicht versichert, weil Sie nicht unterschrieben haben. Nun kommen Sie zur Tür. Ab in die Freiheit.“
Aber nur, wenn ich keine Sanktionen bekomme,“ forderte Svenja auf der Treppe angekommen wie ein verhandlungspfiffiges altkluges Kind.
Das kann ich leider nicht garantieren! Ich muss SGB-II einhalten.“
Dann zitieren Sie es mir, Herr Ludwig! Wenn der Leistungsbeziehende eigenmächtig eine zugewiesene Maßnahme abbricht oder Anlass gibt, dass der Träger eine Maßnahme abbricht..“
Sie hielt inne und schien zu erwarten, dass er den ihm bekannten Satz ergänzte.
Sie haben schon allen Anlass gegeben. Das wissen Sie selbst und wo das bekannt ist, habe ich keinen Handlungsspielraum. Sie könnten aber morgen wiederkommen und den Vertrag unterschreiben. Dann ist alles gut! Dann muss ich Sie nicht sanktionieren.“
Aber das müssen Sie nie! Wenn irgendwer SIE ZWINGT Sanktionen zu verteilen, könnten Sie remonstrieren...“
Warum sollte ich! Ich stehe hinter SGB-II – ich finde Sie sollten endlich aufwachen aus Ihrem kindlichen Rebellionswahn. Sie sind so alt wie ich! Stellen Sie sich Ihrem Leben und Ihrer Verantwortung.“
[...] Falls sie mich zu einer Unterschrift unter Sanktionsankündigung zwingen, dann brauche ich genau diesen SATZ schriftlich und unterschreibe sofort den ganzen Wisch des Trägers!“


 ***


Ob Svenja einen Freund hatte? Würde der zu ihr halten in der Not? Würde sie klagen oder gar öffentlich hungern wie Ralph Boes, den sie auch immer wieder in ihren Kommentaren erwähnte und verlinkte?



Tobias las sich dann an Ralph Boes fest. Dieser Idiot, der brachte so viel Zorn in ihm auf!!!

Wenn die Leute wirklich sowas nachmachen! Das Blöde war, dass Boes mit seinem BRANDBRIEF irgendwie total RECHT hatte und Meinungen vieler Jobcenterbeschäftigter, gerade der „linkeren“ traf – andererseits aber zu einer Welt einlud, die den Untergang des deutschen Arbeitsmarktes und der deutschen Arbeitsmoral bringen würde...



 ***

[..]
Das klingt doch völlig absurd wie in einem Märchen. Ich fühle mich auch so!
Doch das ist die Realität:
Es tut mir leid - ich bin ein Arbeitsvermittler und kein Träumewahrmacher von Beruf.
Dabei schreit mein ganzes Herz, dass es Dir jeden nur erdenklichen Wunsch erfüllen möchte!
Ja, ich bin absolut total total befangen...


 ***
Frau Holtznagel hatte wohl gerade wieder so eine intensive Begegnung gehabt. Eine Buchhalterin hielt sie auf Trab [...]

Immer entwischte sie auf diese Weise dem Zugriff Frau Holtznagels und sie schlug vor, die Zuständigkeiten auch mal zu wechseln.

Das sei nicht nur im Fall von „schlecht laufenden“ Antragsteller Arbeitsvermittler-Verhältnissen gut, sondern auch mal bei solchen „unauffälligen Fällen“, wo ggf. die Vermittlungsfachkraft jemanden „unkompliziert durchwinke“ über Jahre. Jeder habe da ggf. blinde Flecken. So jedenfalls argumentierte Helena.

Tobias schaute Wieland nachdenklich-ernst dabei an, dass dieser sofort sagte: „Vergessens Sie's, Zimmermann bleibt Ihre!“

Helena lachte.

Und für Sie finden wir auch ne Zimmermann,“ scherzte Wieland. „Nicht dass hier die Arbeitsmoral meiner Mitarbeiter sinkt, bloß weil gerade ein faules Ei dabei ist, das stärker stinkt als die anderen. Die anderen sind gut zu vermitteln. Gerade im Helferbereich ist doch der Arbeitsmarkt in Traumland und Umland bis nach Berlin gut aufnahmefähig! Wir haben auch etliche eingekaufte Maßnahmen! Maja, wenn Du wieder so resistente Selbständigkeits-Beharrer hast, dann sei ruhig wieder etwas großzügiger mit den Coachings.“

[...]
 ***
 
Um Svenja zu erreichen, fiel Tobias jetzt nichts anderes ein, als Svenja direkt zum Ende ihrer Krankschreibung einzuladen.

Ja, zu einem dieser „ich möchte mit Ihnen über Ihre berufliche Situation sprechen“ - Termin. Um Svenja nicht völlig abzuschrecken, schickte Tobias den Brief OHNE Rechtsfolgenbelehrung an sie raus. Mit Rechtsfolgen dagegen versah er ein Päckchen Vermittlungsvorschläge, auf die Svenja ja reagieren könnte, wie von Herrn Wieland schon eingeräumt, mit: „ich konnte mich nicht bewerben, war krank“.

Da gab es ja Ermessen, das anzuerkennen. Z.B. Wenn man krankheitsbedingt nicht zu einem Drucker oder Internetcafé gehen konnte oder einen kurzfristigen Vorstellungstermin nicht wahrnahm. Der Klassiker wäre auch einen gebrochenen Arm zu haben und damit für Schreibkram auszufallen. Wer frech herumposaunt: ich blogge von früh bis spät aus meinem HartzIV-Bett-Büro und schlurfe zwischendurch nur kurz zum Lidl, dem konnte das ggf. durch das Gericht faktisch überzeugend als Bewerbungsversäumnis ausgelegt werden. Wenn so jemand immerfort am PC Tippendes nichtmal eine E-Mail an einen Arbeitgeber schickte...

Andererseits gab es auch da Grenzen. Um so mehr Tobias darüber nachdachte, um so mehr sah er auch aus Svenjas Position oder einer möglichen Position als „Jobcenter-Gegner“ bzw. auch durch die Augen eines „bewussten Arbeitsverweigerers“ unzählige Möglichkeiten, sich „legal zu wehren“!

Was würde er denn tun, wenn ihm einer sagen würde:

Du bist krank, hast aber DSL im Haus – bewirb Dich mal bei folgender Zeitarbeitsfirma (die Du selber nicht leiden kannst)?“

Ja klar, wie sein alter Freund Sören mal sagte, der war ein IT-Spezialist und arbeitete als Systemadmin und Netzwerkbeauftragter an einem wissenschaftlichen Institut: „Bitte schicken Sie mir Ihren öffentlichen PGP-Schlüssel, damit ich Ihnen datensicher meine Bewerbungsunterlagen zuschicken kann.“ 

 ***
 


Tobias [...] ging die ganze Zeit mit seiner ihn schützenden, forschen und zielgerichteten Art mit seinen Kunden um.
Nur jetzt genoss er es wieder mehr, der Kontakt zu Svenja war ein übertriebener Einzelfall geblieben. Keiner schaffte es, ihn so auf die Palme zu bringen wie Sie.
Er hatte gelernte Kassiererinnen, rheumatische Krankenschwestern, die ohne Durchbruchschancen jetzt irgendwas "Selbständiges" probierten, aber auch immer öfter diese Leute, die nicht allein zum Amt gingen. Die meisten brachten aber nur einen Aufpasser mit und nicht gleich 3 oder mehr.
Sein Kaffee wurde auch schonmal kalt während ein Gespräch sich schier endlos in die Länge zog.
Nebenbei hatte Tobias Svenja eine Meldeversäumnissanktion verpasst.
Herr Wieland hatte nichts dagegen gehabt. Im Gegenteil.
Er hatte gesagt: „Lass sie vor Gericht Recht bekommen, bekommt sie halt DANN ihr Geld.“ Beide Männer lachten. „Lass sie doch anschaffen gehen.... oder putzen... Callcenter nehmen nicht jeden,“ meinte Wieland und ergänzte zu Tobias' Belustigung:
Ein Hartzer seine Rechte kennt, die Pflichten aber oft verpennt, solch Drückeberger sag ich Dir, der bleibt noch lange in Hartz IV.“

 ***

Frau Zimmermann,“ rief er sie auf.

Heißen Sie etwa alle Zimmermann,“ fragte er die 4 Leute, die alle gleichzeitig von den Wartesitzen aufstanden und sich auf ihn zubewegten.

[...]
Tobias wurde es zu bunt. „Frau Zimmermann! Wenn Sie jetzt nicht SOFORT mit in mein Büro kommen ohne diese anderen Herrschaften, dann ist der Termin jetzt beendet!
[...]
 Aber jetzt mal etwas Ballet, denn es warten schon die nächsten Kunden!“
Wo denn,“ fragte Frau Zimmermann und funkelte Tobias forschend an.

Die kann sowas von mit Sanktionen rechnen... diese widerspenstige arbeitsscheue Künstlerin!


 ***

Einige Tage später begann es Faxe zu hageln.
Mehrfach brach das Fax den Dienst ab und dann wurden wieder mehrseitige Anträge von vorn gefaxt.

 ***


Ein wenig seltsam war das für Tobias aber schon. Er hatte soeben unter Androhung von Leistungskürzungen dem Betreiber eines Schlüsseldienstes geraten, sich bei einem „Konkurrenzbetrieb“ vorzustellen. Dafür würde sogar Einstiegsgeld gezahlt werden an den Betrieb…

Wäre Munstermann etwas pfiffiger und hätte z.B. einen KfW-Kredit oder ähnliches abgestaubt zuvor, würde ER jetzt selber einen Angestellten suchen… und für diesen das Einstiegsgeld kassieren.

Aber in diesem Markt konnten nur die härtesten überstehen und die Plätze für die sind nunmal rar.

Die überschüssigen „Chefs“ und „Eigenbrötler“ müssten sich doch einfach mal trennen von ihrem Traum und die Sicherheit unter der Führung eines erfolgreicheren Arbeitgebers suchen. Wie er das selber auch getan hatte. War doch möglich. Was sollte auch ein Markt mit 20 Nagelstudios in einer Straße und 50 Änderungsschneidereien, Schlüsseldiensten, Internetcafés?

Eben – damit einer vernünftig seinen Angestellten bezahlen kann, muss er seine Ellenbogen einsetzen und sich behaupten – die anderen zu seinen Angestellten soll machen, wer am besten führt.



 ***

Es war wie oft in sozialen Berufen oder sozialen Bewegungen. Erst ist immer alles tutti und plötzlich knallt's.
So war Tobias von heut auf morgen freigestellt. Sein Büro konnte er dann noch räumen in den kommenden Wochen. Es gab noch den Resturlaub und dann begann sie, die offizielle Arbeitslosigkeit.

 ***

...und dann war seine Wahl ausgerechnet auf Svenja für so ein Abenteuer gefallen. Er hätte ihr ja sagen können: „Danke für die Avancen, ich fühle mich sehr geschmeichelt – aber suchen Sie sich bitte erst eine anständige Arbeit. Kommen Sie weg von Hartz IV und senden mir dann Ihre Karte. Da würde ich nicht abgeneigt sein...“
Ja, er hätte IHR Interesse an ihm – wenn es denn überhaupt echt bestanden hatte und sie nicht nur einen irrwitzigen Versuch von politischer Missionierung gekoppelt mit etwas Spaß unternommen hatte – einsetzen können, um sie „zu motivieren“ schnellstmöglich ihren Leistungsanspruch zu senken!
Hinterher ist man immer schlauer, dachte er sich. Doch was, wenn er nun der Vater sei? Alle Arten von Nachfragen oder Kontaktaufnahmen könnten jetzt von Svenja gegen ihn eingesetzt werden. Sie müsste nur zur Geschäftsleitung gehen mit Tobias Mails, SMS, whatsapp oder Briefen. Sie könnte dann sagen: gegen meinen Willen hat Ihr Mitarbeiter mit mir Kontakt auf privater Ebene aufgenommen.
Gut, dann würde man vielleicht feststellen, dass Svenja selber den Kontakt gesucht habe. Aber „geoutet“ wäre er in jedem Fall – wenn auch nicht unbedingt bestraft für seine „private Nutzung dienstlich erworbener Daten“.
In jedem Fall hatte Svenja ihn ja nur über die Arbeit kontaktiert. Privat hatte sie vordem gar keinen Zugang zu einem seiner Kommunikationskanäle noch stand er mit Kontaktdaten im Netz. Kontaktaufnahmen solcher Art müsste man doch auch der Leitung melden…
Tobi fühlte sich mies und vom Schicksal korrumpiert, wenn nicht von Svenja betrogen. Diese fiesen kleinen Hartzspielchen sollte man verbieten und Frauen wie Svenja für ihre Anvancen - ganz gleich ob man selber darauf eingestiegen war oder nicht – bestrafen. Es sollte den Kunden verboten sein mit den Arbeitsvermittlern zu flirten, nicht umgekehrt. Dann würde Tobias sich wieder gut fühlen.

 ***


"Hör mal, Ludwig, Du hast mir 50 000 EUR gestrichen."

Hab ich nicht. Finger weg.“

Nicht so schnell, Hübscher! Du bist ein schmieriges schmalziges Arschloch. Ich bin zwar Hetero, aber Dich möchte ich echt gern mal XXXX!“

Hören Sie damit auf – ich warne Sie!“

ohne den Wachschutz fühlte sich Tobias nicht ganz so mutig.

Ich weiß wo Dein Auto steht und wo Dein Haus wohnt.“



 ***

Du lügst, Ludwig. Was hast Du?“

Ich hab versucht Dich abzuwehren. Du bist so jung! Aber Du bist auch irgendwie super sexy...“

Aha...“ Helena zog eine Braue hoch und ließ sich das ganz langsam auf der Zunge zergehen, aalte sich und strich ihm zärtlich über das hellblaue leicht geöffnete Hemd.

Tobias Ludwig… wollen wir heute abend mal was zusammen trinken?“

Ja… erlöse mich von dieser Svenja. Ich halte das nicht mehr aus. Ich habe sie hier auf dem Tisch gehabt und konnte nicht von ihr lassen. Rette mich, Helena. Ich weiß, ich bin ein paar Jahre älter als Du, aber nur für einen Abend, rette mich.“ Seine offenbarende Ausdrucksweise wurde von Helena entweder überhört oder für eine Metapher gehalten.

Ich, Dich retten? Ich will Dich reiten...“

Tobias grinste. Das ging klar. Endlich. Er würde diese verkorkste Kundin nun endlich vergessen und dieses schmerzhafte Kapitel abheften. Svenja würde ihr Ausländergör bekommen und sich mit irgendwelchen Muselmanen ärgern – er würde weitermachen und irgendwann als Teamleiter das ganze Elend nicht mehr sehen, sondern an passender Stelle durchgreifen und sich hochbefördern.



 ***


Er hatte überlegt, das ganze Büro heimlich mit Kerzen vollzustellen und den Tisch, auf dem sie das erste Mal miteinander geschlafen hatten, mit Blumen zu übersäen. Oh Gott, das sah ihm alles nicht nur nicht ähnlich, es war auch KRANK. Das war nicht nur KRANK, sondern Kündigungsgrund. Psychopath und Punkt.
Er hatte überlegt, sie ganz lieb reinzubitten, mit Beistand oder ohne, das müsste sie entscheiden, und dann die Tür zu schließen und sie zu drücken. Ganz fest.
Dabei würde er mit Sicherheit anfangen zu heulen und der Rest wäre garantiert Peinlichkeit in Person, aber er würde sich damit von allem Schmerz und allem Ungesagten befreien.
Er dachte so viel und malte sich alle Möglichkeiten aus. Nur nicht die simpelste von allen:
SVENJA KAM NICHT ZUM TERMIN.

 ***

Tobias hatte weder den Mut, ihr so einen Brief zu schicken, geschweige denn den Mut, den Inhalt auch ohne Svenjas Reaktion darauf oder ohne ihr „Mitwirken“ in die Praxis umzusetzen. Hätte er einzig und allein für die Idee der Menschenrechte, so sie – wie von Svenja und anderen behauptet - im Konflikt mit SGB-II stünden, das durchgezogen? Also losgelöst von seinem persönlichen Glück oder Klärungswillen mit Svenja? Nein und nochmals nein – abstrakt war er eben KEIN Kämpfer für die Grund- und Menschenrechte und empfand diese Leute, die das taten, als Exzentriker oder Fanatiker, als Leute, die das eigentlich wohlmeinende des Sozialstaates verkennen oder missbrauchen würden… So konnte er auch nicht losgelöst von Erwartungshaltungen auf persönliches Beziehungsschicksal so ein Schreiben heraussenden, was ihm ggf. im Licht einer offenen Begutachtung im Kollegium oder durch die Geschäftsführung die Karriere beenden würde...





Svenja erschien nicht.

Dafür erreichte ihn ein Brief, der eigentlich an die Leistungsabteilung gerichtet war. Daraus ging folgendes hervor:



Offenbar ging Svenja jetzt regelmäßig zu einer „Freiwilligenbörse“ oder bot einfach so irgendwie unbezahlt ihre Arbeitskraft an.

Unzählige Geflüchtete warteten darauf, versorgt zu werden. Viele hätten sich gern selber versorgt, doch das schien den staatlichen Lenkern und Planern (auch wenn man sie zu Nach-DDR-Zeiten mitnichten so nannte) noch schwerer zu realisieren als sie „abzufüttern“ in Massenunterkünften.

Massenunterkünften mit all deren negativen Auswirkungen: Frauen wurden unter diesen Umständen sexuell belästigt, es gab kulturell angeregte Konflikte zwischen Angehörigen unterschiedlicher Volksgruppen oder Religionen oder Zoff mit den „Wärtern“ bzw. „Betreuern“.

Sozialfirmen und sozialen Wohnungsbaugesellschaften verdienten an diesen Menschen – genau wie Sicherheitsfirmen und eine große Bandbreite an „Charity“-Aufmerksamkeit für Firmen, die an sich nichts mit dem Thema „Geflüchtete“ zu tun hatten und deren Angestellte noch nichtmal die Forderungen nach offenen Grenzen unterstützen.

Nur die Waffenindustrie schwieg.

Welches verwaiste Kind hätte schon gern ein Schmusetier oder einen kostenlosen Tanz- oder Deutschkurs von Heckler und Koch? Das hätte den irrsinnigen Ursache-Wirkungs-Komplex nur zynisch sichtbarer gemacht, als er auch so schon ist.


 ***

Herr Ludwig, Sie haben das falsch geschrieben. Nicht ICH habe das Gespräch verweigert, sondern SIE! Wollen Sie mir etwa eine Sanktion verpassen?“
"Nicht nur eine, Baby," dachte Tobias immer gehässiger. Er hatte Freude daran, sie ein wenig ratlos die Stirn runzelnd vor sich stehen zu sehen, während der Wachmann sie am Arm packte.
[...]
Ich könnte am Ende obdachlos werden durch Sie, ist es das, worauf Sie es anlegen möchten?“
Sie leben allein – Ihnen ist die Obdachlosigkeit zuzumuten,“ sagte Tobias eiskalt – daran denkend, wie er nicht nur seine zwei Katzen, sondern auch den bei seiner Exfrau lebenden Sohn alimentieren musste. Und als Steuerzahler auch Leute wie diese Hobbyrebellin und ihre arbeitslosen Freunde.
Svenja stand der Mund offen und sie sagte: „Einen schönen Tag Ihnen noch Herr Ludwig – ich werde mich über Ihr Auftreten beschweren bei der Teamleitung.“
Das können Sie doch alles schriftlich machen,“ sagte eine zweite Wachfrau.

 ***



Vermutlich hatte er nun noch „selber Schuld daran“, dass Svenja überhaupt mit ihrem Punker-Kumpel in der Kiste war? Oder auch nur rumknutschte, denn der war ja offenbar vom anderen Ufer? Tobias ekelte sich erneut vor sich selber. Er ertappte sich, wie er sich vorstellte, mit dem Mann in die Kiste zu steigen, nur um an die Frau zu kommen. Oder war es umgekehrt?
Sollte er mal einen Stricher nehmen, nur um zu testen, ob er auf Männer wirklich abfahren könne in der Praxis?
Aber nein, das sollte kein bezahlter Mensch sein, das sollte eine Führungsgestalt sein. Dieser Carsten war aber alles andere – vielleicht war er ein spiritueller Führer, aber optisch nicht das, was Tobias sich von einem Mann wünschte. Gut, Svenja war das auch nicht für sein Vergnügungsbild-Rollenverständnis von einer Frau – aber vielleicht war das was anderes? Vielleicht, weil er Svenja echt liebte?
Er musste ihr schreiben, als Abschied, als Neuanfang, als Rettung.


 ***

Frau Zimmermann,“ sagte die Richterin. „Kurz etwas Organisatorisches vorab. Sie haben Zeugen laden lassen wollen:
Den Maßnahmeträger-Geschäftsführer, Ihren Arbeitsvermittler, dessen Teamleiter, mehrere andere Maßnahmeteilnehmer, die Initiatoren einer sog. „Kreuzaktion“, Günter Wallraff sowie den Vorsitzenden der Caritas Traumland. Sie haben für das Hinzuziehen eines jeden Zeugen eine Begründung abgegeben.
Allerdings hat sich die Kammer entschieden, auf die Zeugen zu verzichten.
Daher können – sollten einige der Genannten hier im Raum sein – diese auch hier sitzen bleiben.
Fahrt- oder Verdienstausfallkosten kann auch niemand geltend machen, denn wir haben niemanden als Zeugen geladen. Die nötigen Unterlagen zu Ihrem Fall liegen dem Gericht bereits vor.“

Tobias konnte sich an gar nichts dergleichen erinnern, dass er als Zeuge geladen worden wäre. Helena grunzte hinter vorgehaltener Hand.
Gut, das erfährt man dann wohl erst gar nicht, wenn das Gericht einen nicht vorladen möchte.
Der Generalterminsbevollmächtigte des Jobcenters war inzwischen auch eingetroffen. Er war sichtlich aufgeregt. Sein spätes Auftreten begründete er damit, zuvor mit einigen „Querulanten“ zu tun gehabt zu haben – ganz früh am Morgen – in einem anderen Saal etwas entfernt von jenem war zuvor schon die erste Verhandlung anberaumt gewesen.
Die Richterin wich von ihrem Programm ab und befragte ihn dazu. Er meinte, man habe ihn nach seiner Vollmacht gefragt, die doch hinterlegt sei im Gericht. Die Leute bzw. der dortige Kläger hätten ihm das aber nicht geglaubt und auch die Rechtmäßigkeit und Rechtsstaatlichkeit des Gerichts angezweifelt.
Ein Raunen ging durch den Saal.
Die Richterin machte ruhig weiter. Sie erteilte dem Bevollmächtigten einen Verweis, weil dieser jetzt kaum zu bremsen war und über angebliche „Reichsbürger“ schimpfte.
Giggeln und Feixen war im Publikum zu hören.
Es wurde dann eine sehr spannende Verhandlung.
Ruth Karendorf, die Anwältin, berichtete, dass sie ehrenamtlich Svenja Zimmermann vertreten würde. Beide Frauen berichteten den Sachverhalt. Svenja holte dabei auch ein wenig aus. Die Richterin ermahnte sie, konkret bei der Sache zu bleiben und nicht den Raum für ihre politischen Spekulationen zu nutzen. Im Wesentlichen solle es um ihre Anträge gehen.
Dabei sprach sie gezielt Ruth Karendorf an. Diese aber meinte, der Sachvortrag ihrer Mandantin sei noch nicht beendet und wesentlicher Teil des rechtlichen Gehörs.

[...]
Svenja würde triumphieren… und das tat sie!
Sie juchzte und ihre Stimme überschlug sich dabei wie die eines Jugendlichen im Stimmbruch. Ihre Leute umringten sie wie in einem Fußballclub und ein älterer Mann zückte eine Kamera – wie immer er die hier hereingebracht hatte.
Das bitte draußen,“ pfiff ihn die Richterin an.
Das ist mit denen alles abgesprochen.“
Aber mit uns nicht – feiern Sie draußen und machen da Ihre Fotos.“
Los, raus hier! Ab ins Morgenthau! Dort geb ich ne Runde Kaffee aus!“
Svenja, zieh nicht so die Stirn kraus – und schieb mal Deine Locken hinter die Ohren! Du bist der STAR des Tages!“
Der Fotograf hatte so seine Wünsche und Tobias konnte sich nicht von seinem Platz erheben. Er war bleich darauf gesunken und wünschte sich ÜBERALL zu sein, ggf. in der Hölle, nur nicht hier.
Nichtmal seine Kollegen waren da – jetzt, wo er sie gebraucht hätte. Der Generalterminsbevollmächtigte war ohne nach links und rechts zu sehen aus dem Saal geflüchtet, wurde jetzt aber von Svenja noch angesprochen. Die Dame hatte ein lautes Organ. „Hey, Herr Jobcenter-Terminsvollmacht-Mann! Danke für Ihr Erscheinen und Ihre gefasste Hinnahme des Urteils. Werden Sie in Berufung gehen?“
Der Mann antwortete offenbar nicht, aber einer von Svenjas Freunden sagte: „Der Streitwert ist zu gering Madame! Du hast zwar gewonnen, aber juristisch bist Du keine Leuchte!“
Ich bin ja auch eher Schauspielerin,“ konterte Svenja.
Tobias stand mühselig auf, denn er hatte keine Lust darauf zu warten, von den Saaldienern, rausgeschmissen zu werden. Er fühlte sich wie ein kleiner Junge im Schulbus, den man vergessen hatte.


 ***


Hast wohl gefeiert, Kollege?“

Thorsten Walter aus der Leistungsabteilung schlürfte seinen Kaffee runter. Ab und an hielten die beiden einen kleinen Plausch.

Nicht wirklich… aber ich hab das ganze Wochenende gevögelt.“

Oh, verstehe…,“ Thorsten grinste. „Das schlaucht – aber das ist es ja wohl hoffentlich wert gewesen?“

Ja.“ Tobias grinste zurück. Hätte sein Kollege nach einem Namen gefragt, hätte er sich auf den Datenschutz berufen.


 ***

Koch mir 'nen Kaffee," verlangte Tobias. Svenja rollte sich auf die Seite. Sie blinzelte zur alten Uhr an der Wand: "Es ist erst halb 10 - lass mich schlafen!" "Svenja, das ist die zweite Arbeitsverweigerung an diesem Wochenende! Ich müsste Dich mal wieder sanktionieren..."
"Du wolltest mich ohne Lohn arbeiten lassen, Herzchen... das wurde mir in meiner Eingliederungsvereinbarung aber verboten.. von Dir, wenn Du Dich an Deine eigene Schreiberei erinnerst..."
Tobias stützte sich über ihr ab. Während er zart ihre Ohrläppchen zu beknabbern anfing, raunte er mit Schalk in der Stimme: "Dann wenigstens eine klitzekleine Aktivierungsmaßnahme?"
"Oh ja... das ist ohnehin vieeeeel wirkungsvoller als Koffein," gab Svenja zurück und räkelte sich genussvoll. "Wenn Du das sooo machst, kann ich später auch ganz freiwillig Deine Forderung von gestern nachholen. Dabei fuhr sie sich mit der Zunge sinnlich über die Lippen und genoss Tobias' liebevolle Neckereien und innigen Liebkosungen.
Sie ließen sich sehr lange für einander Zeit. Tobias schämte sich schon wieder für seine ihn immer wieder und immer noch überkommende Art, Svenja im Befehlston Dinge abzuverlangen, die sie ihm aus freien Stücken schenken mochte.
[...] 
„Wir Arbeitsvermittler schicken Leute was erledigen, wir machen das nicht selbst,“ feixte er und Svenja hielt inne, umschlang Tobias Hals und raunte:
"Mein süßer fauler Arbeitsvermittler Du... wenn das hier eine MAE ist, dann lass ich den Kaffee anbrennen - wie ich es auch in jeder Zeitarbeitsfirma machen würde, in die Du mich schicken würdest..."
"Hab ich das mal gemacht?"
"Ein oder zweimal hast Du es versucht..."
"Ich erinnere mich nicht dran - ich krieg davon so viele Unterlagen auf den Tisch... die jubel ich dann nicht nur Dir unter... ich drehe die jedem an, der bei mir an so einem Tag auftaucht..."
Svenja biss Tobias in die Unterlippe.
"Mit solchen Gemeinheiten solltest Du aufhören, kleiner Arbeitsvermittler. Sonst wirst Du zu Zeiten des bedingungslosen Grundeinkommens sehr sehr schlechte Karten haben... Du meinst doch nicht, dass alle dann in dieser Zukunft ehemaligen Hartzer so wie ich sein werden und vor Verknalltsein gar nicht mehr wissen, was Ihnen alles angetan wurde?"
Sie knutschten eine Weile und als Tobias den Kaffee und Svenja ihren Tee vor sich stehen hatten, griff sie das Thema erneut auf. "Hasi, wenn das, was ich hier mit Dir mache, in meinen Kreisen bekannt würde, würden manche Leute meinen, ich litte am STOCKHOLM-Syndrom."
"Nie davon gehört, was ist das? Ne Liebeskrankheit?"

 ***


"Tobi! Ich habe nie Deinen Service gewünscht... mein Gott, ohne Dich war alles so einfach! Kein blöder Vermittler hat mich angenervt. 
[...]
Als würdest Du persönlich mein Hartz IV zahlen... als würdest Du Ralph Boes alimentieren. Junge, hast Du's nicht kapiert? Ralph Boes hat keinen Cent bekommen. Schmarotzt er sich damit in den Hungertod? Tobi, ich werde Dich nicht um einen Lebensmittelgutschein anbetteln! Ich finde das entwürdigend.“
Entwürdigend, liebste Svenja, ist, dass Du überhaupt Hartz IV beziehst. Dass eine so kluge Frau wie Du überhaupt auf staatliche Leistungen angewiesen ist! Du könntest produktiver sein.“
Meinst Du ich sei faul?“
Das hab ich nicht gesagt.“
Was denn dann?“
Du könntest was aus Dir machen mit all Deiner Schlauheit und Deiner Energie!“
Mich verkaufen?“
Ja!“
Mich vernutten! Ich stelle mich nicht auf den Strich der Erwerbsarbeit! [...]"

 ***



Tobi sah sie laufen. Sie lief neben dem Weg, durch das welke, harte Gras, sprang über die Wildschweinwühlstellen, Baumstümpfe und über herabgefallene Äste. Sprang auf das abgeerntete brachliegende Feld.

Er hörte die Stöcke knacken unter ihren Dr. Martens Stiefeln. Ihr bunter langer Rock – den sie so trug wie junge Rroma-Frauen, die in der S-Bahn schnorren gingen, wehte um ihre Beine und die abgewetzte 3. -Hand- Lederjacke zeichnete elegant ihren sportlichen Körper ab.

Tobias hatte plötzlich einen Jeeper auf eine Zigarrette, obwohl er seit ca. 15 Jahren nicht mehr rauchte.



Tobias sah seine eigenen Existenzängste und wie sehr er seine auf die ihren übertrug. Vielleicht war das für Svenja ganz anders? Sie konnte offensichtlich schlafen. In seinen Armen. Den Armen des Mannes, der jederzeit ihren Geldhahn abdrehen konnte. Wegen irgendeines fehlenden Formulars


 ***


Kannst Du denn ohne Zukunftsängste schlafen?“
Ich könnte nicht schlafen, wenn ich andere sanktionieren würde. Kannst Du schlafen, Tobi?“
Du hast neben mir gelegen, unter und über mir letzte Nacht. Habe ich da geschlafen?“
Weniger als ich, glaube ich. Und Du hast mich unter Androhung von Kürzungen meines Existenzminimums geweckt, wenn ich mich recht entsinne.“
Ja, das hab ich... und ich frag mich grad, ab wann man Dich mir zuordnen kann.“
Gar nicht! Falls Du Schiss bekommst, Deine eigenen Kollegen aus der Leistungsabteilung definieren Dich und mich als Bedarfsgemeinschaft, dann wird es aber mal ne saftige Musterklage geben. Meine Freundin Reyda ist total scharf auf sowas! Sie hat ihr Jurastudium wieder aufgenommen extra wegen solcher Fragen von Zwangsehe durch deutsche Behörden...“
Aber, aber…! Als wären wir hier in Afghanistan! Wieso vergleicht Ihr das eigentlich immer mit totalitären oder grausamen Regimen, was hier in Hartz IV läuft?“


 ***


Wir bräuchten auch kein Sozialsystem, du und ich. Ich sage und Du machst,“ lachte er.

 
Wie wäre es, frei vom Leistungsbezug zu werden - keine Anträge mehr stellen?“
Machen auch einige von uns, aber wir beanspruchen unsere Güter für die Existenz trotzdem – mit oder ohne Amt.“
Was soll ich tun, Svenja?“
Meine Freiheit achten. Und natürlich Deine eigene Freiheit. Wenn Du die nicht kennst, wirst Du sie auch einem anderen nicht zuerkennen können.“
Svenja, wie denn? Du bist hier in Deutschland freier als an jedem anderen Ort zu jeder anderen Zeit. [...]“
In dieser Zeit werden aus Prinzip Leute wegen der rechtlich ungeklärten GEZ-Nachfolgeorganisation eingeknastet. Oder wegen nicht bezahlter Strafzettel...“
Es muss Grenzen geben! Svenja, sonst könnte jeder kommen und...“
und vielleicht kostenfrei eine Bahn benutzen? Ich muss dann auch irgendwann in den Knast, weil ich ohne Ticket Bahn gefahren bin…“
Ach, da zahlst Du ein erhöhtes Beförderungsentgeld und dann war's das. Mache ich für Dich, Mädchen!“
Tobi… die haben Leute deswegen eingesperrt… auch weil jemand eine Tütensuppe geklaut hatte...“


 
Es reicht!“ Tobias nahm die Flasche von Timon und herrschte Kilian an: „Kilian Ludwig! Du packst jetzt sofort Deine Flasche weg oder es gibt kein Eis!“

Mann, das macht aber Spaß! Wie soll ich das denn lernen, wenn ich nicht übe?“

Übe mal Lesen! Und Rechnen! Oder willst Du so ein dämlicher Hartz-IV-Trottel werden wenn Du groß bist?“

Danke,“ zischte Svenja und rückte ein Stück ab.

[...]

Na fein, dann geh ich rein und esse mein Ei-heis!“

Tobias ging rein und brachte keinen Bissen runter. Toller Ausflug. [...]

Hey, nun kommt schon. Eis schmilzt,“ sagte er dann nachdem er erneut zur Tür kam um die Jungs hereinzu“motivieren“.

Papa, Dein Eis schmilzt. Geh mal rein, Du. Wir üben hier draußen.“

Tobias schaute seinen Junior sehr streng an. Darauf ergänzte dieser: „Wenn Du mir eine ballern willst, komm raus. Du kannst aussuchen: rechte Seite, linke Seite oder beide.“ Dann warf er Timon die Flasche vor die Füße und sie landete aufrecht auf dem Boden.

Krass,“ kommentierte Timon und das traf so ziemlich das, was auch Tobias fühlte.



Svenja hatte alles mit angesehen und als Tobias reinkam, sagte sie zu ihm:

Du siehst zum Fürchten aus. Kannst nicht mehr lächeln? Hey, Du bist mit Kindern unterwegs...“

Diese Kinder schocken mich.“

Weil sie sich nicht mit Strafen konditionieren lassen?“

Svenja… wohin soll das mit denen führen! Die werden kriminell wenn die wie...“

„… so wie ich?“

Quatsch...“

Doch, so wie ich, Herzchen. Unerziehbar mit Strafen – lassen sich lieber schlagen, verzichten auf ihr Eis… machen ihr Ding… Du bist geschockt, mein Kleiner!“

Ich bin einfach sauer – immer irgend eine böse Überraschung! Ich will nicht, dass mein Kind ein Krimineller wird… oder ein Hartzer! Jaja, Du bist ne Hartzerin, aber ich will auch nicht, dass er wie Du wird. Er soll was erreichen.“

Na das macht er doch schon. Hat er eben nichts erreicht? Guck, sein Freund hat es eben geschafft und er heute schon zweimal. Die Flasche steht wie eine Eins, wie sie es haben wollen. Bottle-Flip verlangt Übung...“

Svenja, das ist Dumme-Jungen-Scheiße. Das bringt keine Sau weiter.“

Sagt wer?“

Tobias zuckte die Achseln, noch völlig schockiert über dieses Verhalten und Svenjas Rückendeckung.

Sie lernen. Ist ne Geschicklichkeitsübung. Hier drin hat es genervt – ja – Du hast ihnen Grenzen aufgezeigt, aber außerhalb derer bzw. innerhalb der Verabredung haben sie einfach nur GEWÄHLT – das, was sie lieber wollten. Und Dir sogar angeboten, Schläge zu kassieren. Hey, welches Kind hat so einen Mumm? Dein Kleiner könnte echt ein Super Hartz-Rebell werden – nur hoffe ich, dass Hartz IV bis dahin Geschichte ist, wenn die groß sind.“

Tobias schüttelte den Kopf. „Marion hat keine Art. Ich muss das jetzt ausbaden. Fall Du mir jetzt nicht auch noch in den Rücken. Jetzt hab ich denen so ein schönes Eis bestellt...“

Ja, Du bist traurig, abgelehnt zu werden. Komm, iss auf… oder magst Du auch nicht mehr?!“

Nö, iss auf soviel Du schaffst...“

Echt nix? Ich liebe Eis! Also wenn das Dein bzw. Euer Ernst ist...“

Svenja schaufelte Eis in sich rein und konnte aber nach 2 ½ Portionen nicht mehr. Timon kam rein und wollte auf Klo. „Krass, Du frisst echt das ganze Eis.“

Ja, Ihr wolltet ja nicht. Sorry… ich melde das dem Jobcenter. Dass ich mit Eis abgefüllt wurde im Wert von 13 EUR 70… wird mir eigentlich anerkannt als notwendige Ausgabe, wenn ich im Gegenzug die beiden Kinder auf je eine Kugel für 1,50 einlade, die sie in der Waffel mit rausnehmen können?“

Klär das mit der Leistungsabteilung, ich hab keinen Bock mehr. Ihr alle geht mir auf die Ketten,“ sagte Tobias.


Svenjas Auskunfts-Anträge nach dem Informationsfreiheitsgesetz hatte er auch alle noch nicht bearbeitet. Er schob das alles bewusst nach hinten, denn Svenja war ja nun ein Fall für sich – nicht nur weil ihr Name mit „Z“ anfing und „Z“ immer zuletzt kommt...

Herr Wieland rief ihn an. „Ludwig, Du musst rüber zu Holtznagel. Ein Klient ist aufgetaucht, der Hausverbot hat. Hat sich reingemogelt! Der Wachschutz ist schon da, aber geh mal schnell rüber, wir treffen uns alle in Zimmer 3.081.“

Tobias sprang auf, sperrte den Bildschirm und schloss die Tür ab.
Maja Holtznagel stand wütend und den Tränen nahe verschanzt hinter ihrem Tisch.
Ein Mann mittleren Alters hatte sich vor ihr aufgebaut und verlangte schriftliche Versagensmitteilungen über seine mündlich gestellten Anträge.
Der Mann hatte keinen Termin gehabt, war aber in den letzten Wochen aufgefordert worden, schriftlich einige Nachweise zu erbringen. Diese hatte er nun eingereicht, form- und fristgerecht aus seiner Sicht, aber es hatte Probleme gegeben in der Kommunikation zwischen ihm und Frau Holtznagel. Der Mann wollte einfach nicht gehen ohne Eingangsstempel. Die Sachen seien vermittlungsbezogen und nicht leistungsbezogen, Frau Holtznagel hatte ihn kulanter Weise spontan in die Leistungsabteilung schicken wollen.
Herr Ludwig, Sie kennen doch diesen Mann?
Ja, natürlich kenne ich ihn! Es ist der selbe, dem ich im Beisein von Teamleiter Herrn Wieland Hausverbot erteilt hatte.“
Herr Wieland kam nun auch hereingestürmt und verwies den Antragsteller erneut des Hauses. Er kündigte ihm an, wegen Hausfriedensbruch eine Anzeige zu erstatten und besprach das Prozedere mit Tobias, Frau Holtznagel und Helena Weißflog sowie einigen anderen VermittlerInnen, damit sich eine Standardprozedur daraus entwickeln konnte. Auch der zuständige Bereichsleiter segnete das alles ab und eine kurze Meldung ging an die Geschäftsführung hoch – für weitere rechtliche Schritte.
Wir haben für solche Sachen einfach keine Zeit,“ betonte Tobias. Wenn wir uns mit jedem Gewalttäter ärgern, können wir gar keine Fälle mehr abschließen.“
Aber Sie sind diesbezüglich ein guter Mann, Ludwig,“ betonte Wieland.
Nicht nur wie Sie diese Frau Zimmermann abserviert haben, aber das war schon eine Glanzleistung. Egal was die vom Gericht jetzt behaupten werden, das Haus steht hinter Ihnen,“
Tobias freute sich über das Lob aber es tat in Magengrube und Herz so schrecklich weh, dass es sich nicht um irgendwen handelte, sondern um Svenja... auf gar keinen Fall jedoch konnte er sich davon etwas anmerken lassen oder gar irgendwen diesbezüglich ins Vertrauen ziehen. Wie er Svenja darum beneidete, dass sie so etwas konnte und Menschen hatte, mit denen sie solche Dinge mit Sicherheit besprechen würde!



Gegen 21:30 brachte Svenja Tobias vor die Tür. „Du musst sicher früh raus morgen?“

Tobias lächelte. „Ich möchte auch mal so ein Hartzerleben führen.“

Dann mach es doch,“ hörte er den Mann von vorhin mit dem Smartphone sagen. „Hör mal, keiner hält Dich ab das einfach mal auszuprobieren! Jeder kann nur bei SICH SELBST anfangen.“


ein satirischer Beratungsvermerk, der niemals in das echte fiktive VerBIS Eingang fand:

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Kommentare:

  1. Hab es gelesen und - Stellen weise - ver_MEER_t!
    An 3 Orten im www!

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  2. Sehr schön, sehr frech
    alle L´s und M´s werden hier aufs schönste "zivilisiert"
    Ich denke, das Buch ist der Knaller

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